Die Unreality Geschichten enstanden im Laufe mehrerer Jahre. Maßgeblich von Franz Kafka und seinen Werken „Der Prozess“ sowie „Die Verwandlung“ inspiriert, aber auch von den verstörenden Sci-Fi Welten eines Philip K. Dicks, entwickelte ich den Unrealityzyklus als ein sprachliches und gedankliches Experiment. Meine Ausgangsüberlegung war: In unserem Alltag gibt es oft Momente, die uns surreal erscheinen. Manchmal dauern sie nicht länger als einige Sekunden, oder nur den Augenblick eines Déjà-Vues. Das Gefühl nach einem harten Tag und mit betäubtem Schädel im Bus, irgendwie nie anzukommen, weil die Fahrt schon so lange dauert... Das Gefühl, einen Gegensand mit großer Sicherheit dort abgelegt zu haben, nachdem man ihn aber hier gefunden hat... Das Gefühl, einen solchen Höhenflug zu erleben, dass es schon nicht mehr real sein kann. Dies alles sind nach Auffassung der meisten vernünftigen Menschen nur kurze Sinnestäuschungen, keiner weiteren Betrachtung wert. Doch ich sellte mir die Frage: Was wäre, wenn...? Was wäre, wenn diese Eindrücke der Hinweis auf das Bröckeln unserer Realität wären? Oder, für manchen schlimmer, das Bröckeln des eigenen Verstands? Was wäre, wenn der Zufall alleine diese kurzen Eindrücke davon abhielt, zu längeren Eindrücken zu werden? Wo kämen wir hin, wenn wir uns nicht nur sicher gewesen wären, den Schlüssel an einem anderen Ort abgelegt zu haben, sondern auch, unser Haus an einem anderen Ort gebaut zu haben? Ich sponn also ein kleines Gefühl ins Extrem weiter.
Doch damit nicht genug. Um diesen verstörenden Moment auszudrücken, wollte ich auch sprachlich einen anderen Weg gehen. So entschloss ich mich auszutesten, wo ich hin komme, wenn ich so schnell schreibe wie ich denken kann. Die Tatsache, dass ich dem 10-Finger-System nicht mächtig bin, sollte aufmerksamen Lesern jetzt eine erschreckende Realität offenbaren ;-) Normalerweise lese ich einen Satz, nachdem ich ihn geschrieben habe und bei längeren Sätzen – gerade, wenn es um Metaphern geht – sitze ich auch schon mal ein paar Minuten länger. Hier verzichtete ich ganz bewusst darauf und ließ „einfach laufen“. Auch Formulierungen, von denen ich wusste, dass sie grammatikalisch so nicht ganz korrekt waren, ließ ich absichtlich stehen, wenn ich das Gefühl hatte, so näher an meiner Empfindung zu sein.
Auch strukturell hebt sich Unreality von meinen vorangegangenen Arbeiten ab. Ich verstehe mich als einen sehr plot-getriebenen Autor, dem der Verlauf der Geschichte am Herzen liegt. Eine gute Geschichte ist für mich eine wendungsreiche, mitreißende Erzählung von Ereignissen. In Unreality gab es keinen Plot. Nicht der Verlauf, sondern der Moment stand im Mittelpunkt. Jede Geschichte umfasst nur einen Zustand, eine Situation. Wenn ich einmal Szenarien wechselte und einen Verlauf schilderte, achtete ich darauf, meine Erzählung wie eine „Emulsion“ anzulegen. Der Leser sollte über die Ereignisse schwimmen, die Entwicklungen nur nebensächlich zur Kenntnis nehmen. Ein gutes Beispiel hierfür wäre „Universen-Neid“, wo ich am Ende den Verlauf einer Freundschaft hin zu einem Mord skizziere, doch anders als in meinen normalen Werken nur wenige Sätze über diese gravierende Wende verliere. Es sollte helfen, sich in den Wahrnehmungswelten der namenlosen Protagonisten zu isolieren. Das Außen hat in diesen Geschichte nur insofern Bedeutung, wie es einen Einfluss auf das Innerste nimmt.
Ich wollte etwas schaffen, was über die Summe der Worte hinausgeht. Ein großes Kompliment war das meiner Schwester, als sie mich neugierig fragte, ob ich zum Schreiben der Geschichten bewusstseinserweiternde Drogen genommen hätte und ich zufrieden verneinen konnte ;-) In gewisser Weise habe ich bei Unreality den Verstand hinter mir gelassen. Ich habe nie geglaubt, damit einen größeren Kreis von Menschen erreichen zu können, aber darum ging es mir auch gar nicht. Ich wollte mich ausdrücken. Und das habe ich geschafft.