*** Produktionsnotizen
New York, New York

Ich begann mit den Arbeiten am Buch auf dem Heimflug meines ersten Amerikatrips. Zusammen mit meiner Familie hatte ich eine Woche lang in New York verbracht. Wenn ich mich nun beim Schreiben dieser Zeilen Jahre später zurückerinnere, dann sind es vor allem die detailreichen und flachen Dächer, mit ihren Klimaanlagen, Wasserbassins, Rohren und Antennen, die sich mir vor Augen rufen. Irgendwie sahen alle Dächer dort aus, als würde man jederzeit Zeuge einer spannenden Verfolgung zwischen Ganoven und Polizisten werden können... aber ich schweife ab. Tatsächlich spielt nur eine der zehn Geschichten auf einem New Yorker Dach, und das auch nur zum Schluss. Jedenfalls war ich äußerst inspiriert von der völligen Andersartigkeit Amerikas und bewaffnet mit einem guten Dutzend neuer Filmsoundtracks aus dem Virgin Megastore entschied ich mich, dieser Stadt mein persönliches Denkmal zu setzen.

Auf dem Flug nach Hause

Ich möchte das gar nicht dramatisieren, es gab keinen beflügelnden Moment der inneren Einkehr, ich saß einfach im Flugzeug, hatte meinen Block und meinen Stift zur Hand und dachte mir nur: „Hey, diese eine Killergeschichte, die dir durch den Kopf geistert – wäre doch eine tolle Idee, den Killer in New York killen zu lassen!“ So entstand die Geschichte „Vom Sinn des Lebens“. Ich hatte bis dahin schon viel schreiberische Erfahrung gesammelt, oder sagen wir: Viel schreiberische Erfahrung für einen vierzehnjährigen. Trotzdem war dies meine erste Geschichte überhaupt, die ich mich auch heute noch traue, herumzuzeigen. Meine Eltern fanden die ganze Sache auch nett, zumindest musste ich mir keine Moralpredigten bezüglich des expliziten Inhalts anhören. Aber davon zu reden, dass ihre Begeisterung mich zum Weiterschreiben motiviert hätte, ja, das ist vielleicht ein bisschen zu viel behauptet.

Pen&Paper Spiele als Inspiration

Aber ich schrieb für mich selbst weiter. „Ein schmaler Grat“ (ursprünglich: „Höhen und Tiefen einer Situation“), die zweite Geschichte, war inspiriert von einer Situation, die ich mit Freunden während eines Pen&Paper Abends erlebt hatte. Dem Unbedarften hier zu erklären, was Pen&Paper ist, würde den Rahmen sprengen, ich verweise auf den Wikipedia Artikel http://de.wikipedia.org/wiki/Pen%26Paper. Es sei nur gesagt, dass die groteske Situation, die ich in „Ein schmaler Grat“ beschreibe, tatsächlich als gruppendynamischer Prozess entstanden ist. Das gleiche gilt für die achte Geschichte „Total, total verrückt“, dessen Name gleichzeitig eine Hommage an den alten Filmklassiker „Eine total, total verrückte Welt“ ist. Auch hier entstand nicht alles aber viel von dem, was ich erzähle, als gruppendynamischer Prozess. Daraus kann man schlussfolgern, wie durchgeknallt mein Freundeskreis und ich während eines Pen&Paper Abends sind.

Wie die Geschichten entstanden

Die dritte Geschichte, „Joanna“, war dann meiner Mutter zum Geburtstag gewidmet. Ich hoffe, dass diese Anekdote einer liebenden Mutter, die ein Doppelleben als knallharte Drogenbossin führt, nicht in einem Zusammenhang mit ihrer Scheidung einige Jahre später stand... „Zwischen Schrift und Schauer“ sollte eine ironische Selbstbetrachtung darstellen. Ich fand es witzig, als angehender Wannabe-Autor einen Ausblick auf mein mögliches eigenes Schicksal zu geben, wenn ich eines Tages unter Drogeneinfluss und Schreibblockade leide und mir die Inspiration von den geistreichen Anekdoten meines Drogendealers abholen muss. „Kopflos ins Chaos“ zählt zu meinen Lieblingsgeschichten, und ich will die schaurigen Wendungen nicht vorwegnehmen. Nur soviel sei gesagt, dass ich mich bei dieser Geschichte noch gut daran erinnere, wie sich mir zum ersten Mal das Gefühl einer „Schreibroutine“ einstellte – ich war streckenweise einfach „im Flow“. „Stadtneurosen“ zielte auf meinen Onkel ab, der selber Psychologe ist. In der Geschichte erzähle ich von einem Mafiapsychologen, der in Bedrängnis gerät und anstatt das Opfer zu betreuen selbst zum Täter wird. Ich wüsste nicht, dass ich mich aktiv von dem Film „Reine Nervensache“ hätte beeinflussen lassen, ich mochte ihn nichtmal sonderlich. „Kurzer Dialog“ basierte auf Dialogfetzen, die mir schon seit geraumer Zeit durch den Kopf geisterten und vor allem auf den beiden tumben Killern Muffin und Jenkins. In Anlehung an Pulp Fiction fand ich die Idee einfach nur köstlich, einen genervten Mafiaboss minutenlang über den Preis von Munition philosophieren zu lassen, wobei er den Mord mit keinem Wort erwähnt. Zugegeben, das ist heute etwas ausgelutscht, aber damals und in meinem zarten Alter war ich von dieser Kaltschnäuzigkeit fasziniert. „Der vierte Gast“ entstand ursprünglich im Rahmen eines Taxi-Kurzgeschichten-Wettbewerbs. Es ist eine der wenigen Geschichten mit Happy End im Zyklus. Ich habe nicht gewonnen. „The Show must go on“ bildete dann, nach guten zwei Jahren Schreibarbeit mit langen Pausen, endlich den krönenden Abschluss des Buchs. Es war mir wichtig, dass dies die rasanteste, zumindest aber die wendungsreichste Geschichte des Zyklus’ werden sollte. Ich saß sehr lange an ihr, bin mit dem Resultat aber auch sehr zufrieden. Ich würde sie nicht als meine Lieblingsgeschichte bezeichnen, aber nur deswegen nicht, weil die Menschenhatz auf Hollywoodpartygäste in einem großen Anwesen nicht repräsentativ genug für den Gedanken von „Underworld“ ist. Ansonsten kann ich sie jedem wärmstens empfehlen. Dass mir Muffin und Jenkins, die tumben Killer aus „Kurzer Dialog“, am Herzen lagen, lässt sich dann noch ein letztes Mal in der Bonusgeschichte „Begegnungen“ ergründen.

Albert Crowney

Von Anfang an hatte ich die fixe Idee, den ganzen Zyklus aus der Sicht eines sympathischen Ex-Gangsters erzählen zu lassen. Auf der ursprünglichen Website (nicht mehr online) führte ich diesen Gedanken radikal aus und erschuf für Albert Crowney einen eigenen Lebenslauf und ein fiktives Treffen, in dem wir uns zusammensetzten, um die Geschichten festzuhalten. Mittlerweile habe ich mich von diesem kreativen Konzept allerdings entfernt. Es bleibt zu sagen, dass Underworld genau das Buch geworden ist, das ich zu diesem Zeitpunkt schreiben musste und genau der Einstieg ins „professionelle“ Schreiben war, den ich mir gewünscht hätte. Wer über eine damalige Jugend hinwegsehen kann, hat mit den skurrill-makabren Erzählungen sicherlich seinen Spaß.



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